Die Türkei steht vor einer paradoxen Situation: Trotz einer der höchsten Inflationsraten weltweit verzeichnet das Land ein bemerkenswerteres Wirtschaftswachstum als viele europäische Staaten. Im vergangenen Jahr stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3 Prozent, und speziell im letzten Quartal erhöhte sich das Wachstum von 2,1 auf 3,0 Prozent. Diese Zahlen werfen ein interessantes Licht auf die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere im Kontext der aktuellen Inflationslage. Besonders positiv ist der Rückgang der Inflationsrate im Februar auf 39,05 Prozent, nachdem sie im Januar noch bei 42,1 Prozent lag. Dies markiert den neunten Monat in Folge, in dem eine Reduzierung der Inflationsrate zu verzeichnen ist.
Die türkische Statistikbehörde TÜIK bestätigt, dass der Rückgang mit 39,05 Prozent unter den Erwartungen von Analysten liegt, die einen Rückgang auf durchschnittlich 39,9 Prozent prognostizierten. Trotz dieser offiziellen Angaben gibt es von unabhängiger Seite Kritik: Die Inflationsforschungsgruppe ENAG schätzt die tatsächliche Inflationsrate auf 79,5 Prozent. Die starke Diskrepanz zwischen den Zahlen von TÜIK und ENAG lässt an der Genauigkeit der offiziellen Zahlen Zweifel aufkommen.
Wachstum in der Krise
Die türkische Wirtschaft hat in den letzten Jahren mit enormen Herausforderungen zu kämpfen gehabt. Hohe Inflationsraten und eine stetig abwertende Türkische Lira, besonders im Vergleich zum Euro, haben die Verbraucherpreise in die Höhe getrieben. Der durchschnittliche Verbraucherpreisanstieg lag im Jahr 2023 bei 53,5 Prozent. Prognosen deuten darauf hin, dass die Inflation bis 2024 auf 60,04 Prozent steigen könnte.
Die hohen Lebenshaltungskosten machen sich besonders in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Wohnen bemerkbar. Die Verbraucherpreise sind im Vergleich zum Vormonat um 2,3 Prozent gestiegen. Zudem weist der Gesundheitssektor alarmierende Zahlen auf, die Preise für Gesundheitsleistungen stiegen um bis zu 543 Prozent, was eine enorme Belastung für die Bevölkerung darstellt.
Inflationsursachen und -prognosen
Die finanzpolitischen Maßnahmen der türkischen Zentralbank haben – lange Zeit unter dem Druck von Staatschef Erdogan – auf niedrige Zinsen gesetzt. Nach Erdogans Wiederwahl wurden die Geld- und Finanzpolitik jedoch an unabhängige Experten übergeben, was zu einer schrittweisen Anhebung des Leitzinses auf 45 Prozent führte. In Anbetracht dieser Entwicklungen rechnet die türkische Regierung für 2025 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, während der Internationale Währungsfonds ein reales Wachstum von 2,6 Prozent prognostiziert. Diese Vorhersage ist mehr als doppelt so hoch wie die erwarteten 1,2 Prozent für die EU.
Trotz dieser optimistischen Prognosen wird die Inflationsrate voraussichtlich hoch bleiben: Die Zentralbank selbst plant eine Inflationsrate von 44 Prozent für 2024 und 21 Prozent für 2025. Hochrangige internationale Organisationen wie die OECD und der IWF erwarten gar Werte von 56 Prozent und 33 Prozent für die kommenden Jahre.
Zusammengefasst hat die Türkei mit einem komplexen Mix aus hoher Inflation, unorthodoxer Geldpolitik und einer schwächelnden Lira zu kämpfen. Die Abhängigkeit von Importen, insbesondere im Energiesektor, verstärkt die Herausforderung. Die Konsumgewohnheiten verändern sich unter dem Druck der inflationären Entwicklung, was auch in den Berechnungsansätzen der ENAG sichtbar wird. Diese Organisation sammelt täglich umfangreiche Preisdaten und stellt ihre eigenen Inflationsraten zusammen, um ein möglichst genaues Bild der wirtschaftlichen Situation zu liefern. Daten werden dabei gemäß internationalem Standard erhoben und die Methodologie der Datensammlung gilt als zuverlässig.
In dieser Situation bleibt abzuwarten, wie sich die wirtschaftliche Lage der Türkei weiter entwickeln wird – sowohl in Bezug auf das Wachstum als auch in Bezug auf die Inflationsdynamik.