Ruth Marcus, eine der prominentesten politischen Kolumnistinnen der Washington Post, hat nach über 40 Jahren ihren Rücktritt erklärt. In einer emotionalen E-Mail an ihre Kollegen gab Marcus bekannt, dass sie die Zeitung verlässt, weil sie nicht länger mit den Richtlinien ihres Eigentümers Jeff Bezos vereinbaren kann. Laut Marcus hat die neue Ausrichtung des Meinungsressorts, das auf „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ fokussiert werden soll, potenziell das Vertrauen der Leser*innen in die Unabhängigkeit der Kolumnisten gefährdet. Die Redaktion wollte eine klare Trennung zu anderen veröffentlichten Meinungen schaffen, was in der Branche auf erhebliche Kontroversen gestoßen ist.

Der Auslöser für Marcus‘ Entscheidung war die Nichtveröffentlichung einer Kolumne, in der sie ihre Bedenken über die Veränderungen im Meinungsressort äußerte. Diese Änderungen wurden von Bezos im Februar ankündigt, was zu einem massiven Abgang von Abonnenten führte. Mehr als 75.000 digitale Abonnenten haben innerhalb von 48 Stunden nach der Bekanntgabe ihre Mitgliedschaft gekündigt. Dies geschah in einer Zeit, in der bereits interne Spannungen innerhalb der Zeitung zunahmen, die spürbar wurden, als David Shipley, der Ressortleiter für die Meinungsseiten, in den Rücktritt trat, nachdem er versucht hatte, Bezos von seinen Plänen abzubringen.

Kritik an der Einflussnahme von Jeff Bezos

Jeff Bezos, Gründer von Amazon und Besitzer der Washington Post seit 2013, steht unter dem Verdacht, zunehmend Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen zu nehmen. Marcus kritisierte zudem CEO und Publisher Will Lewis dafür, dass er ihre kritische Kolumne über Bezos’ Pläne unterdrückte. Diese Einflussnahme auf die Meinungskolumnen hat zu einer breiten Debatte über die innere Pressefreiheit geführt. Journalist*innen fordern immer stärker eine Regulierung der Eigentümermacht im Journalismus, insbesondere im Zuge des digitalen Strukturwandels und der damit verbundenen Herausforderungen für Redaktionen.

In der Vergangenheit hat Bezos auch umstrittene Entscheidungen getroffen, wie die Stornierung einer Wahlempfehlung für Kamala Harris vor den US-Wahlen im November, was Kritiken innerhalb der Redaktion hervorrief. Über 300.000 digitale Abonnenten kündigten als Reaktion auf diese Entscheidung.

Rücktritte als Zeichen von Unzufriedenheit

Marcus‘ Rücktritt ist nicht der erste seiner Art in letzter Zeit. Neben Shipley haben auch andere erfahrene Journalist*innen wie David Maraniss und Cameron Barr die Washington Post aufgrund von Bezos‘ Einfluss verlassen. Fachleute diskutieren die Frage der inneren Pressefreiheit zunehmend, da sie einen direkten Zusammenhang zwischen Eigentümerinteressen und der journalistischen Integrität herstellen. Analysten sehen hierin eine gefährliche Entwicklung, die das Vertrauen in die Medien untergraben könnte.

In diesem Kontext wird auch die Frage laut, wie dringend es notwendig ist, dass Medienpolitik eingreift. Während einige Stimmen eine stärkere Regulierung fordern, schätzen andere die Möglichkeiten, die ein reines Privatunternehmen bietet, jedoch als übertrieben ein. Die Diskussion über innere Pressefreiheit bleibt also angesichts der gegenwärtigen Debatten um die Rolle von Eigentümern in redaktionellen Belangen hochaktuell.