Filmemacher Kay Gerdes hat sich mit seiner neuen Dokumentation „Weckgläser und Milchkannen – Landleben in den 50er-Jahren“ intensiv mit den Erinnerungen der Menschen im Dänischen Wohld auseinandergesetzt. Diese spannende Arbeit bietet einen tiefen Einblick in das Landleben in Schleswig-Holstein unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Dokumentation stützt sich auf Interviews mit acht Zeitzeugen, die vom herausfordernden Leben in den Nachkriegsjahren berichten. Zu dieser Zeit war die Landwirtschaft der wichtigste Sektor in Schleswig-Holstein, wo jeder dritte Arbeitsplatz in der Land- und Forstwirtschaft angesiedelt war. Pferd und Wagen dominierten das Bild des ländlichen Lebens, während Autos eine Seltenheit darstellten. Ein Zeitzeuge berichtet von einem dramatischen Unfall, bei dem ein Verletzter auf dem Gepäckträger eines Fahrrads ins Krankenhaus gebracht wurde.
Kalte Winter und Gemeinschaftsarbeit
Kaltes Wetter prägte die Erinnerungen dieser Zeit, da nur die Küche und die Stube geheizt wurden, während die Schlafzimmer oft unerträglich kalt waren. Schulwege waren lang und fanden häufig im Dunkeln statt, was ohne Taschenlampen zusätzliche Herausforderungen mit sich brachte. Trotz dieser widrigen Umstände erinnern sich die Zeitzeugen gerne an die Gemeinschaftsarbeit bei der Ernte und an die Verantwortung, die ältere Kinder für ihre jüngeren Geschwister übernommen hatten.
In den folgenden Jahren, insbesondere in den 1960ern, verbesserten sich die Bedingungen im ländlichen Raum durch die Einführung von Traktoren und modernen Maschinen sowie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Allerdings bleibt die Unkenntnis über die Schädlichkeit dieser Mittel ein kritischer Punkt in den Erinnerungen der alten Generation.
Der historische Kontext in den 1950er Jahren
Die Dokumentation von Gerdes stellt einen wichtigen Kontrapunkt zu den gesellschaftlichen Veränderungen dar, die Schleswig-Holstein in den 1950er Jahren prägten. Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten etwa eine Million Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten nach Schleswig-Holstein. Innerhalb weniger Monate erhöhte sich die Bevölkerung auf 2,6 Millionen, was zu einem erheblichen Mangel an Wohnraum, Nahrung und Heizstoffen führte.
Mit der Einführung der D-Mark 1948 kehrte allmählich Stabilität ein. Während einige Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften leben mussten, fand der Großteil eine Bleibe in Wohnungen und Häusern. Allerdings trugen Spannungen zwischen den Eingesessenen und den Neuankömmlingen dazu bei, dass Flüchtlinge oft als „Fremde“ und „Außenseiter“ wahrgenommen und diskriminiert wurden. Erst als viele Flüchtlinge in den Süden umzogen, verbesserte sich die Situation in der Region.
Der wirtschaftliche Aufschwung, ermöglicht durch den Marshallplan, führte in den 1950er Jahren zu einer signifikanten Entspannung der Lage. Neue Entwicklungen in der Landwirtschaft und eine Modernisierung des Straßennetzes ebneten den Weg für eine bessere Zukunft. Dennoch waren die Erinnerungen an das Leben in den 50er Jahren geprägt von Herausforderungen und der Notwendigkeit zur Anpassung und Zusammenarbeit in der Gemeinschaft.
Gerdes‘ Dokumentation, die am 22. März um 19 Uhr im ehemaligen Gasthof „Zur Eiche“ in Dänischenhagen Premiere feiert, lädt die Zuschauer ein, diese bewegende Zeitgeschichte nachzuvollziehen. Der Eintrittspreis beträgt 7 Euro und bietet somit eine kostengünstige Gelegenheit, in die Vergangenheit eintauchen zu können.
Die umfassenden Schilderungen in der Dokumentation, ergänzt durch historisches Bildmaterial, machen das Leben vor 70 Jahren anschaulich und vermitteln ein Gefühl für die damaligen Lebensumstände. Kay Gerdes hat zuvor bereits über 15 Dokumentarfilme realisiert, bei denen einige im NDR ausgestrahlt wurden. Es bleibt zu hoffen, dass dieses neue Werk ebenso viel Beachtung finden wird wie seine Vorgänger.
Für weitere Einblicke in das Leben in Schleswig-Holstein um 1955 sei auf die relevanten Details hingewiesen, die auf geschichte-s-h.de zu finden sind, während kn-online.de die neuesten Informationen zur Dokumentation bereitstellt.