Helene Bracht schildert in ihrem Buch „Das Lieben danach“ die Auswirkungen ihrer traumatischen Kindheit im Nachkriegsdeutschland. Überwältigt von ihren Erlebnissen hörte sie im Alter von sieben oder acht Jahren auf zu sprechen. Diese Stille, die sie selbst als das Richtige empfand, führte dazu, dass Lehrkräfte sie in ihren Schulzeugnissen nicht beurteilen konnten, da sie sich nicht äußerte. Ihre Mutter verglich sie gelegentlich mit einer Sphinx, ein Zeichen dafür, wie die Familie mit dem schwierigen Thema Kommunikation umging. Bracht selbst räumt ein, dass sie nicht genau wusste, warum sie den Kontakt zur Sprache abbrach, was die Tragik und die noch unaufgearbeiteten Emotionen ihrer Kindheit unterstreicht. In ihrer Analyse bezeichnet sie solche Kinder als „unhörbare Alarmsirene“, die oft nicht wahrgenommen werden.
In einer ähnlichen Erzählung erinnert sich Hildegard Ludwig an ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs. Bei Kriegsende war sie acht Jahre alt und hatte Gewalt sowie den Verlust von Familienangehörigen miterlebt. Die psychischen Spätfolgen dieser traumatischen Ereignisse prägen nicht nur ihr Leben, sondern auch das Leben von vielen anderen, die als „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bezeichnet werden. Viele dieser Menschen haben ihre traumatischen Erfahrungen nie verarbeitet, was immense Auswirkungen auf die nachfolgende Generation hat. Nach dem Krieg erhielt Ludwig und andere Kriegskinder kaum Unterstützung, um ihre Spuren zu heilen. Sie wuchsen oft in einer emotionalen Distanz auf, die sich auch in der Erziehung ihrer eigenen Kinder zeigte. Diese emotionale Kälte kann zu psychischen Problemen bei den Nachkommen führen.
Folgen von Kindheitstraumata
Die Langzeitfolgen von Kindheitstraumata sind vielschichtig und können verschiedene Lebensbereiche betreffen. Laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts haben zwei Drittel der jungen Erwachsenen mindestens ein belastendes Erlebnis in ihrer Kindheit oder Jugend erfahren. Traumatische Erlebnisse, die durch Missbrauch, familiäre Probleme oder Verlust entstehen, können unbehandelt zu ernsthaften psychischen Störungen führen, darunter Depressionen, Angstzustände und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Samira Langer-Lorenzani, eine Fachfrau für Traumapädagogik, hebt hervor, dass emotionale und körperliche Vernachlässigung oft zu negativen Selbstbildern und geringem Selbstwert führen. Die Auswirkungen sind nicht nur psychischer Natur, sondern können auch physische Probleme wie chronisch erhöhtes Cortisol-Level mit sich bringen, was zu Herzkrankheiten oder Diabetes führen kann.
Ein offener Umgang mit den emotionalen Spätfolgen von Krieg und Trauma könnte für Betroffene befreiend sein. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die oft über Generationen hinweg unzureichend behandelt wurde, ist unbedingt nötig. Initiativen und Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung, deren Bedeutung in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen ist. Für viele, die in einem Umfeld emotionaler Kälte aufgewachsen sind, ist es eine Herausforderung, stabile und vertrauensvolle Beziehungen im Erwachsenenalter zu entwickeln.
Die intergenerationale Weitergabe von Traumata ist ein zentrales Thema, das nicht ignoriert werden darf. Präventive Maßnahmen und Unterstützung durch Fachpersonal sind entscheidend, um die Langzeitfolgen von Kindertraumata zu minimieren. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte bleibt für viele eine lebenslange Reise, die sowohl Herausforderungen als auch Chancen birgt.
Die Berichte von Helene Bracht und Hildegard Ludwig verdeutlichen das Ausmaß der emotionalen Wunden, die durch Krieg und Trauma hinterlassen werden. Dieser Kontext ist wesentlich, um die tief verwurzelten Probleme zu verstehen, die durch unbewusste Weitergabe von Erfahrungen über Generationen hinweg entstehen. Ihre Geschichten sind ein eindringlicher Appell an die Gesellschaft, diesen Themen Aufmerksamkeit zu schenken und Lösungen zu finden.