Wladimir Putin hat in einer aktuellen Äußerung einen differenzierten Blick auf die deutsche Geschichte gefordert. Er warnt davor, heutige und zukünftige Generationen in Deutschland auf die Zeit des Dritten Reiches zu reduzieren. Nach Ansicht des russischen Präsidenten ist es „falsch und ungerecht“, die gegenwärtige Generation für die Verbrechen der 1930er- und 1940er-Jahre verantwortlich zu machen. Putin hebt hervor, dass dies nichts mit der modernen deutschen Gesellschaft zu tun habe und erkennt das Schuldgefühl der Deutschen an. Er betont, dass er lange in Deutschland gelebt habe und viele Freunde dort hat, wodurch er ein gutes Verständnis für die deutsche Perspektive auf ihre Nazi-Vergangenheit entwickelt hat.

Putin stellt zudem klar, dass er sich gegen eine Einschränkung der Rechte heutiger oder zukünftiger Generationen aufgrund der Taten ihrer Vorfahren ausspricht. Dies findet im Kontext einer breiteren Diskussion über Geschichtsschreibung und Erinnerungsarbeit statt, in der Putin häufig Geschichte als Werkzeug nutzt, um politische Ziele zu legitimieren und bestimmte Narrative zu propagieren. So wird die Idee verbreitet, dass die Ukraine historisch zu Russland gehöre und kein souveräner Staat sei. Dies geschieht oft in Verbindung mit der Kiewer Rus, einem slawischen Reich im Hochmittelalter.

Instrumentalisierung der Geschichte

Die Nutzung der Geschichte als Kampfinstrument ist ein zentraler Aspekt von Putins Politik. Historische Narrative werden teilweise verfälscht, um den Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen. Historiker betonen, dass Putin ein ambivalentes Verhältnis zur Sowjetunion hat; während er ihren Zerfall als Katastrophe sieht, lehnt er deren föderale Struktur ab. Dies geschieht im Rahmen einer breiteren Geschichtspolitik, die darauf abzielt, ein einheitliches Erinnerungskultur-Narrativ zu fördern.

Hierbei spielt die russisch-orthodoxe Kirche eine zentrale Rolle in Putins Ideologie. Ein neues Geschichtsbuch, das für das Schuljahr 2023/2024 geplant ist, soll ein Geschichtsbild im Sinne der Staatsideologie vermitteln. Putin führt auch den Kampf gegen den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg als Legitimationsgrundlage für seine Politik an und zieht parallelen zwischen der Invasion in der Ukraine und dem Kampf der Roten Armee gegen die Nationalsozialisten.

Gegensätzliche Narrativen in der Erinnerungspolitik

Die Auswirkungen dieser Geschichtspolitik sind in den besetzten Gebieten deutlich zu spüren, wo russische Besatzungsbehörden versuchen, die Erinnerungskultur umzugestalten. Diese beinhaltet unter anderem die Einführung sowjetischer Symbole und die Entfernung ukrainischer Denkmäler. Der Krieg hat gezeigt, dass die offiziellen Narrative in Russland und der Ukraine gegensätzliche Ziele verfolgen. Während die Ukraine versucht, ihre nationale Identität zu stärken und den Prozess der Entkolonialisierung voranzutreiben, strebt Russland danach, seine neoimperiale Einflusssphäre wiederherzustellen.

Die russische Rhetorik zur ukrainischen Geschichte dient nicht nur der ideologischen Vorbereitung der militärischen Aggression, sondern auch zur Unterdrückung der ukrainischen Identität. Historische Narrative werden gezielt eingesetzt, um die kollektive Erinnerung der Gesellschaft zu manipulieren und eine bestimmte Sichtweise zu etablieren. In diesem Kontext gewinnen Putins Äußerungen über die deutsche Geschichte eine zusätzliche Dimension, indem sie in einem vielschichtigen Diskurs um nationale Identität und Geschichtsbewusstsein stehen.

Die Geschichtspolitik, die sowohl in der Ukraine als auch in Russland verfolgt wird, verdeutlicht die Bedeutung von kollektiven Erinnerungen für die nationale Identität und wie diese genutzt werden, um politische Ziele zu erreichen. Es ist ein ständige Erinnerung daran, wie Geschichte nicht nur vergangene Ereignisse reflektiert, sondern auch die Gegenwart und Zukunft von Gesellschaften präg.