In New York leben zurzeit etwa 350.000 Menschen ohne dauerhafte Unterkunft, eine Alarmstufe, die den höchsten Stand seit den 1930er-Jahren erreicht hat. Von diesen sind rund 5.000 obdachlos und schlafen unter freiem Himmel. Chris Gerritt ist einer von ihnen, der seit über zehn Jahren keine Wohnung hat. Um sich vor der Kälte zu schützen, verbringt er seine Nächte in der U-Bahn oder im Central Park. Gerritt leidet unter psychischen Problemen und ist auf schwer zu beschaffende Medikamente angewiesen. Der durchschnittliche Mietpreis für eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt liegt bei etwa 4.000 Euro, was viele, trotz eines Jobs, in die Obdachlosigkeit treibt. Christopher Tucker, 31 Jahre, lebt seit zwei Jahren in einem Obdachlosenheim, hat jedoch keinen Zugang zu den dringend benötigten Wohnungszuschüssen, was zu gravierenden emotionalen Belastungen führt. Obdachlose in New York haben zwar Rechte auf Betten in Heimen sowie auf Essensmarken und monatliche Taschengelder von 177 Euro, doch die Realität sieht oft ganz anders aus.
Bürgermeister Eric Adams hat einen 630-Millionen-Euro-Plan vorgestellt, um im Kampf gegen Wohnungsmangel und Obdachlosigkeit aktiv zu werden. Teil dieses Plans ist die Eröffnung einer Einrichtung zur Behandlung psychisch kranker Menschen sowie die Schaffung zusätzlicher Betten für Obdachlose. Shams DaBaron, ein ehemaliger Obdachloser und heute Berater des Bürgermeisters, fordert eine deutliche Erhöhung des Wohnraums als konkrete Lösung für die Obdachlosigkeit. Der Zeitraum, in dem New York den Bau neuer Wohnungen vorantreibt, hat die Nachfrage nicht verringern können, da die Zahl der Betroffenen weiterhin hoch bleibt.
Herausforderungen des Wohnungsmarktes
Obdachlosigkeit in New York City zeigt sich besonders in dicht besiedelten Gebieten wie Lower Manhattan, wo obdachlose Menschen oft in Schlafsäcken auf den Gehsteigen zu sehen sind. Der sozialpolitische Ansatz „Housing First“ verfolgt das Ziel, obdachlosen Menschen zuerst ein Zuhause zu bieten, bevor weitere Unterstützung folgt. Dieses Konzept wurde bereits in den frühen 1990er-Jahren in New York eingeführt, blieb jedoch nicht von Schwierigkeiten verschont. Sam Tsemberis, der das Konzept erfand, startete in den 1980er Jahren mit Programmen zur Hilfe für Obdachlose und stellte bald fest, dass deren Bedürfnisse oft unzureichend erfüllt wurden.
Housing First hat in Städten außerhalb New Yorks größere Erfolge erzielt und in Finnland wird das Konzept mit dem Ziel umgesetzt, bis 2027 alle Langzeitwohnungslosen zu versorgen. Während früher Pathways to Housing eine der ersten Initiativen war, die Housing First erfolgreich umsetzte, musste sie 2015 Insolvenz anmelden, was auf Missmanagement und mangelhafte staatliche Unterstützung zurückzuführen war. Experten warnen, dass der Erfolg von Housing First von der Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums sowie von stabiler sozialpsychologischer Betreuung abhängt.
Globale Perspektiven und Lösungen
Der Ansatz wird auch in Deutschland verfolgt, wo es einen Bundesverband Housing First mit 32 Mitgliedsinitiativen gibt. Diese Initiativen versuchen, die Wohnungslosigkeit durch flexible, wohnbegleitende Hilfen zu beenden und bieten den Betroffenen unbefristete Mietverhältnisse an. Auch in Berlin arbeiten seit 2022 sechs Housing First-Initiativen, die sich unter anderem an spezifische Zielgruppen wie queere Personen und chronisch erkrankte Menschen richten. Neuere Initiativen haben auch der Berliner Senat finanziell unterstützt, um die positiven Effekte von Housing First zu verstärken. Dabei wurde ein Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit von der Bundesregierung im April 2024 beschlossen.
Insgesamt bleibt die Bekämpfung der Obdachlosigkeit in New York und vielen anderen Städten eine bedeutende Herausforderung. Initiativen wie Housing First bieten Lösungsansätze, müssen jedoch durch politischen Willen und die Schaffung bezahlbaren Wohnraums unterstützt werden, damit eine nachhaltige Verbesserung der Lage der Obdachlosen möglich ist.