In Serbien nehmen die Proteste gegen die Regierung und das weit verbreitete Problem der Korruption zu. Am vergangenen Samstag fand eine der größten Demonstrationen statt, an der Schätzungen zufolge zwischen 275.000 und 325.000 Menschen teilnahmen. Das serbische Innenministerium bezifferte die Zahl auf 107.000, was die Diskrepanz in den Einschätzungen der Teilnehmerzahl unterstreicht. Unabhängige Beobachter berichteten von einem massiven Andrang auf die Straßen, wo die Demonstrierenden unter dem Slogan „Korruption tötet“ für mehr Gerechtigkeit und einen transparenten Umgang mit öffentlichen Geldern demonstrierten. Die Proteste wurden eingeleitet nach dem tragischen Unglück in Novi Sad, bei dem 15 Menschen starben, als ein Bahnhofsvordach einstürzte. Unter dem Motto „Am 15. für die 15“ gedachten die Teilnehmer den Opfern und forderten eine Untersuchung und Bestrafung der Verantwortlichen.

Die Stimmung während der Kundgebung war von Solidarität geprägt. Einwohner von Belgrad boten den Demonstranten warmes Essen an, während ältere Damen Kekse und Kuchen verteilten. Bauern kamen mit Traktoren in die Hauptstadt, um ihren Unmut über die Regierung zum Ausdruck zu bringen. Zudem trugen viele Teilnehmer Anstecker mit einer blutigen Hand, die als Symbol für die Korruption und die damit verbundenen Gefahren dienten. Trotz der friedlichen Atmosphäre kam es zu einigen Vorfällen, darunter ein übergriffiger Autofahrer, der in eine Gruppe von Menschen fuhr und drei Verletzte verursachte.

Reaktionen und Spannungen

Präsident Aleksandar Vučić und das serbische Innenministerium bestritten den Vorwurf, Schallkanonen gegen die Demonstrierenden eingesetzt zu haben. Dies wurde mit Sorgen über mögliche gewaltsame Auseinandersetzungen untermauert. Srdjan Cvijic vom Belgrader Zentrum für Sicherheitspolitik äußerte Bedenken hinsichtlich der Zunahme von Gewalt. Trotz der Spannungen äußerte sich Vučić positiv über die Demonstration und lobte die Polizei, während er betonte, sich nicht von den Protestierenden unter Druck setzen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen 13 Personen im Zusammenhang mit dem Unglück von Novi Sad angeklagt. Die Forderungen der Protestierenden sind klar: Die Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit und die Bestrafung korrupter Akteure.

Ursprünglich angestoßen wurden die Proteste durch die Besorgnis über die Korruption in der Regierung und die besorgniserregenden Entwicklungen in der Gesellschaft. Kritiker werfen Vučić vor, seine Macht durch korrupte Netzwerke und eine eingeschränkte Medienfreiheit zu konsolidieren. Während des Aufeinandertreffens von Demonstration und Polizei war die Atmosphäre im Allgemeinen friedlich. Allerdings war in den letzten Wochen ein schärferer Ton gegenüber den Protestierenden in den Staatsmedien zu beobachten. Dies zeigt die gespannte Beziehung zwischen der Regierung und den Bürgern sowie das anhaltende Bedürfnis nach Reformen.

Ein gespaltenes Land

Außerdem stehen die serbische Regierung und Vučić weiterhin unter Druck, nachdem Ministerpräsident Miloš Vučević und zwei Minister zurückgetreten sind. Die EU und die UN forderten die Regierung auf, das Demonstrationsrecht zu respektieren und Gewalt zu vermeiden. Während die Protestwelle von Studentenverbänden getragen wird, kommen auch Unterstützer der Regierung, darunter Ultranationalisten und vermutete Hooligans, zu den Versammlungen. Die Komplexität der Situation wird verstärkt durch die besorgten Stimmen, die westliche Geheimdienste für die Destabilisierung Serbiens verantwortlich machen, trotz der Tatsache, dass Serbien ein EU-Beitrittskandidat ist und historische Beziehungen sowohl zu Russland als auch zum Westen unterhält.

Insgesamt bleibt die Lage in Serbien angespannt, und es ist unklar, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Die anhaltenden Proteste sind ein klares Zeichen für das Bedürfnis nach Veränderung und für eine Regierung, die ihrer Verantwortung gegenüber den Bürgern gerecht werden muss.

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