Ein Forschungsteam der Universität Göttingen hat einen wichtigen Fortschritt im Verständnis des menschlichen Hörsinns gemacht. Sie haben erstmals eine molekulare „Öffnungsfeder“ entdeckt, die entscheidend für das Hören ist. Diese bahnbrechenden Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht.
Laut den Wissenschaftlern beginnt der Prozess des Hörens mit der Dehnung elastischer „Federn“, die Ionenkanäle in den Hörsinneszellen öffnen. Schallwellen lösen winzige Bewegungen im Ohr aus, welche von diesen Ionenkanälen registriert werden. Ein Schlüsselmerkmal der Hörsinneszellen ist eine Pore mit einer Pforte, die normalerweise verschlossen ist. Bevor die Ionenkanal-Pforten geöffnet werden können, müssen die Bewegungen im Ohr auf diese übertragen werden.
Neuartige Entdeckung im Ohr von Fruchtfliegen
Das Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Göpfert konzentrierte sich auf eine vielversprechende Struktur, die in den Ohren von Fruchtfliegen gefunden wurde: ein Ionenkanal mit einer spiralförmigen Struktur. Die Forscher überprüften die Hypothese, dass diese Spirale als Öffnungsfeder fungiert. Ihre Entdeckung zeigte, dass die Spirale steif ist, während das flexible Gelenk an der Pforte tatsächlich die Öffnungsfeder bildet. Weitere Tests ergaben, dass eine Verdopplung des Gelenks die Steifheit der Öffnungsfeder halbierte.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass ähnliche Öffnungsfedern auch in allen Ionenkanälen vorhanden sind, einschließlich der Ionenkanäle des menschlichen Ohrs. Diese Studien erweitern unser Verständnis über die grundlegenden Funktionen von Ionenkanälen, die nicht nur für das Gehör, sondern auch für andere Sinne von Bedeutung sind.
Aufbau und Funktion des menschlichen Ohrs
Das menschliche Ohr, das für das Hören verantwortlich ist, besteht aus drei Hauptsegmenten: dem äußeren Ohr, dem Mittelohr und dem Innenohr. Das äußere Ohr umfasst die Ohrmuschel und den äußeren Ohrkanal, während das Mittelohr aus dem Trommelfell, den Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) und der Mittelohrhöhle besteht. Im Innenohr befindet sich die Gehörschnecke (Cochlea) sowie der innere Gehörgang. Diese Strukturen arbeiten zusammen, um Schallwellen aufzunehmen und in Vibrationen umzuwandeln, die das Gehör vermittelnd verstärkt und ins Gehirn weitergeleitet werden.
In der Gehörschnecke lösen die Vibrationen je nach Tonhöhe an unterschiedlichen Stellen Erregungen aus, die schließlich vom Gehirn in Töne umgewandelt werden. Zudem spielt das Ohr eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, da das Innenohr auch das Gleichgewichtsorgan enthält.
Komplexe Verarbeitung von Hörwahrnehmungen
Die Verarbeitung von Geräuschen im Gehirn ist ein hochkomplexer Vorgang. Geräusche können auf unterschiedliche Herkunftsrichtungen lokalisiert werden, beispielsweise schräg rechts vorn oder hinten. Diese Fähigkeit wird nicht nur durch die Form des Kopfes und der Ohrmuscheln unterstützt, die Schallschatten erzeugen, sondern auch durch neuronale Mechanismen, die im Gehirn aktiv sind.
Neuronen im Gehirn haben unterschiedliche Spezialisierungen; einige reagieren auf spezifische Frequenzen, andere vergleichen Signale beider Ohren oder reagieren auf bestimmte Lautstärken. Diese Mechanismen ermöglichen eine feine Unterscheidung von Geräuschen, wie etwa unterschiedliche Knallarten oder Stimmungen in Stimmen. Geräusche beeinflussen nicht nur unsere Wahrnehmungen, sondern können auch Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen auslösen.
Insgesamt zeigen die neuesten Forschungsergebnisse über die molekularen Mechanismen des Hörens nicht nur den Fortschritt in der Wissenschaft, sondern fördern auch das Verständnis darüber, wie wir unsere Umwelt akustisch wahrnehmen. Dies dürfte auch weitreichende Auswirkungen auf die medizinische Forschung und Therapieansätze bei Hörstörungen haben.