In der aktuellen medizinischen Diskussion wird die Diagnostik von Adipositas hinterfragt. Die gängige Methode zur Diagnose, der Body-Mass-Index (BMI), wird zunehmend als unzuverlässig eingestuft. Dies legt eine Gruppe von Medizinern nahe, die eine Überarbeitung der bestehenden Diagnoserichtlinien fordert. Der BMI zwar als Kriterium verwendet, doch sollen zusätzlich Körperfett-Daten wie Taillenumfang oder direkte Fettmessungen zur Bewertung von Fettleibigkeit herangezogen werden. In Europa gilt ein BMI über 30 als Indikator für Fettleibigkeit, jedoch kritisieren Experten, dass der BMI nicht direkt den Fettgehalt oder individuelle Gesundheitsrisiken widerspiegelt.
Weltweit leiden über eine Milliarde Menschen an Adipositas, und gefährliches Fett kann sich an der Taille oder um lebenswichtige Organe wie Leber und Herz ansammeln, was signifikante Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Verunsichert über die Wirksamkeit von BMI-gestützten Diagnosen betonen die Fachleute, dass auch Personen mit einem scheinbar normalen BMI ernsthafte Gesundheitsprobleme aufweisen können.
Neue Diagnosekategorien und Ansätze
Die Experten schlagen vor, drei alternative Möglichkeiten zur Diagnose von Adipositas zu nutzen: Zu den bestehenden BMI-Kriterien sollen Messungen des Taillenumfangs oder Verhältnisse wie Taille-Hüfte zusätzlich herangezogen werden. Der zweite Vorschlag setzt auf die Messung des Taillenumfangs unabhängig vom BMI, während der dritte eine direkte Körperfettmessung vorsieht, wie etwa eine Knochendichtemessung. Ab einem BMI über 40 könnte dann ohne weitere Bestätigung von übermäßigem Körperfett ausgegangen werden.
Zusätzlich sollen neue Kategorien für Adipositas eingeführt werden: „klinische Adipositas“ und „präklinische Adipositas“. Dies ermöglicht eine differenzierte Herangehensweise an Behandlungsstrategien, die auf individuelle Gesundheitsrisiken abgestimmt sein sollten. Unterstützung für diesen Vorschlag kommt von 76 Fachgesellschaften und Patientenvertretungen weltweit.
Adipositas bei Kindern und Jugendlichen
Spezielle Aufmerksamkeit gilt der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, die ein wachsendes Problem darstellt. Seit 1975 hat sich der Anteil übergewichtiger Kinder von 4 % auf über 18 % im Jahr 2016 erhöht. Experten betonen, dass frühzeitige Diagnosen und Behandlungen in dieser Altersgruppe entscheidend sind, um langfristige Gesundheitsprobleme im Erwachsenenalter zu vermeiden. Kritiker, wie Thomas Reinehr, äußern jedoch Bedenken, dass die neuen Vorschläge vernachlässigen könnten, dass psychische Probleme eng mit Übergewicht und der Behandlung verbunden sind. Es besteht die Sorge, dass weniger Menschen Zugang zu Bezuschussungen für therapeutische Maßnahmen erhalten könnten.
Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind in Deutschland 46,6 % der Frauen und 60,5 % der Männer von Übergewicht betroffen, wobei fast ein Fünftel der Erwachsenen an Adipositas leidet. Übergewicht und Adipositas werden als ernsthafte Mitursachen für zahlreiche chronische Krankheiten identifiziert und haben erhebliche Kosten für das Gesundheitswesen zur Folge. RKI untersucht regelmäßig die Zusammenhänge zwischen Körpergewicht, Bewegung und Ernährungsgewohnheiten.
Für Kinder und Jugendliche existieren spezifische Referenzen für den Taillenumfang, basierend auf Studien des RKI und der Jenaer Schulkinderuntersuchung. Hierbei zeigt eine Analyse, dass etwa 20 % der Probanden aus der KiGGS-Studie übergewichtig sind, und ca. 6 % darunter leiden, was die Bedeutung der gezielten Prävention und Intervention unterstreicht.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein Umdenken in der Diagnostik von Adipositas erforderlich ist. Die Integration neuer Messmethoden und das gezielte Ansprechen von Risikogruppen könnte dazu beitragen, die gesundheitlichen Belastungen durch Fettleibigkeit effektiver zu bekämpfen. Die Diskussion um die Definition und Behandlung von Adipositas bleibt ein zentraler Punkt in der modernen Medizin.
Mehr zu den Diagnosestandards der Adipositas erfahren Sie auf Tagesspiegel und der Adipositas-Gesellschaft.