Die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel hat ein digitales Spiel-Projekt namens „Meine Oma (88)“ angekündigt. Dieses innovative Vorhaben soll bis Ende 2026 veröffentlicht werden und wurde in Zusammenarbeit mit einem Leipziger Gamestudio entwickelt. Zielgruppe sind vor allem Jugendliche und Erwachsene, unabhängig von ihrem Bildungshintergrund. Der Titel des Spiels ist eine ironische Anspielung auf ein bei den Nationalsozialisten gebräuchliches Kürzel und steht symbolisch für die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Im Spiel schlüpfen die Spieler in die Rolle einer Enkelin, die ihre Großmutter nach ihrer Familiengeschichte befragt. Dabei eröffnet sich die zentrale Fragestellung, inwieweit Familienangehörige in die nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen verwickelt waren. Die Erinnerungen der Großmutter sind oft bruchstückhaft und verzerrt, was die Aufgabe der Spieler kompliziert: Sie sollen die Großmutter dazu bewegen, von den beschwiegenen und belastenden Erfahrungen zu erzählen und deren Wahrheit zu hinterfragen.
Ein neuer Zugang zur Erinnerung
Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale betont, dass das Spiel den Fokus von einer rein historischen Perspektive auf transgenerationale Erinnerungen verlagert. Hierbei geht es nicht nur um die Dokumentation von Verbrechen, sondern auch um die psychischen Langzeitfolgen des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen. Lena Altman von der Alfred Landecker Foundation hebt die Bedeutung aktiver Formate zur Erinnerung an den Holocaust und die Zeit des Nationalsozialismus hervor.
Das Spiel thematisiert die systematische Ermordung von Tausenden kranken und behinderten Menschen sowie die generationenübergreifende Erinnerung in deren Familien. Angesichts der historischen Tragweite dieser Verbrechen ist es von entscheidender Bedeutung, diese Geschichten aktiv zu bewahren und aufzuarbeiten.
Forschung und Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen
Ein passender Kontext zur aktuellen Entwicklung bietet die Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation, die im Juni 2023 in Berlin stattfand. Diese Konferenz wurde vom GeDenkOrt.Charité und dem Förderkreis Gedenkort T4 e.V. organisiert, um das 40-jährige Bestehen des Arbeitskreises zu feiern. Das Leitthema lautete: „Medizinische Wissenschaft im Nationalsozialismus und Erinnerungskultur“. Historisch-wissenschaftliche Vorträge präsentierten neue Forschungsergebnisse zur „Aktion T4“, dem Euthanasieprogramm, und der Identifikation menschlicher Überreste aus nationalsozialistischen Gewaltverbrechen.
Die „Aktion T4“ war ein systematisches Programm zur Tötung von Menschen mit Behinderungen, das ab 1939 in Deutschland umgesetzt wurde. Ziel war es, „lebensunwertes Leben“, das als Belastung angesehen wurde, zu beseitigen. Historiker schätzen, dass insgesamt etwa 250.000 Menschen diesem Programm zum Opfer fielen. Die Tötungen wurden oft unter dem Deckmantel der medizinischen Versorgung durchgeführt, was die Gräueltaten besonders perfide macht.
Die Gedenkstätte und die Forschungseinrichtungen bemühen sich, die Erinnerung an diese dunkle Vergangenheit wachzuhalten und einen Diskurs über die medizinischen Verbrechen des Nationalsozialismus zu fördern. Dies schafft Raum für neue Perspektiven in der Erinnerungskultur und bietet eine notwendige Auseinandersetzung mit den historischen und aktuellen ethischen Fragen der Medizin.
Das geplante digitale Spiel könnte somit nicht nur ein innovativer Ansatz zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein, sondern auch dazu dienen, die Reflexion über die Verstrickung der Gesellschaft in die Verbrechen des Nationalsozialismus anzuregen.
Zusammengefasst bereitet das Spiel „Meine Oma (88)“ eine spezielle Form der Erinnerungsarbeit vor, die sich mit der Familiengeschichte und den historischen Verstrickungen im Nationalsozialismus befasst. Dieser kreative Ansatz könnte helfen, das Gedächtnis an diese Verbrechen lebendig zu halten und bringt das Thema Euthanasie in einem neuen Licht in die Gesellschaft.
Für weitere Informationen über die Euthanasie-Verbrechen und die damit verbundenen historischen Hintergründe besuchen Sie die Seiten von rbb24, GeDenkOrt.Charité und die U.S. Holocaust Memorial Museum.