In Europa ist verbale sexuelle Belästigung, auch bekannt als Catcalling, in vielen Ländern strafbar. Beispielsweise können in Frankreich Bußgelder von bis zu 1500 Euro verhängt werden. In Belgien, Portugal und den Niederlanden drohen ähnliche Sanktionen. In Deutschland hingegen fällt Catcalling nicht unter die bestehenden Straftatbestände und ist daher nicht strafbar. Dies führt zu einer spürbaren Distanz zwischen der Wahrnehmung der Gesellschaft und der rechtlichen Realität, wie Nordkurier berichtet.
Das Verständnis von verbaler sexueller Belästigung in Deutschland umfasst Handlungen wie Hinterherpfeifen oder anzügliche Sprüche wie „Hey Süße“. Diese Verhaltensweisen werden von vielen Menschen als harmlos wahrgenommen, während sie in Wirklichkeit sowohl für Betroffene als auch für die Gesellschaft erhebliche negative Auswirkungen haben. Eine kürzlich durchgeführte Video-Umfrage zeigt, wie Frauen, die häufig mit solchen Sprüchen konfrontiert werden, sich fühlen und welchen psychischen Druck sie empfinden.
Umfrage zu Catcalling
Die Umfrage, die zwischen April und Juni 2021 unter 2868 Personen erstellt wurde, zeigt, dass 95% der weiblichen Teilnehmenden schon Erfahrungen mit Catcalling gemacht haben. Allerdings berichteten auch 28,9% der männlichen Befragten von ähnlicher Belästigung. Die Mehrheit der Betroffenen empfindet negative Emotionen wie Genervtheit, Wut und Scham. 42% der Frauen gaben dabei an, Angst vor (sexuellen) Übergriffen zu haben. Diese Ergebnisse stammen aus einer Analyse von Miriam Gemmel und Johanna Immig, die in einem Artikel auf KripoZ veröffentlicht wurde.
Ein weiterer besorgniserregender Aspekt der Umfrage zeigt, dass 87% der Betroffenen in der Regel Catcalling ignorieren, während 48% danach mit Freunden oder Familienmitgliedern darüber sprechen. Auch 45% der Betroffenen fühlen sich gezwungen, sich „zu bewaffnen“, um sich selbst zu schützen, was den tiefen Sicherheitsbedenken Ausdruck verleiht.
Rechtliche Lage und gesellschaftliche Wahrnehmung
Trotz der weit verbreiteten Anerkennung von Catcalling als problematisch hält die aktuelle Rechtslage in Deutschland diesem sozialen Druck nicht stand. Laut Anwalt.de erfordert die geltende Gesetzeslage eine körperliche Berührung für eine strafrechtliche Verfolgung, wodurch verbale Belästigungen in der Praxis ungestraft bleiben. Es gibt jedoch Stimmen in der Gesellschaft, die eine gesetzliche Ahndung fordern. So unterstützen 60% der Umfrageteilnehmenden eine Normierung von Catcalling als Ordnungswidrigkeit, während 42% eine strafrechtliche Ahndung befürworten.
Diese Forderungen spiegeln das wachsende Bewusstsein der Menschen wider, dass verbale sexuelle Belästigung eine ernsthafte gesellschaftliche Problematik darstellt. Viele der Befragten sind sich einig, dass eine gesetzliche Regelung dringend notwendig ist, um das Thema ernsthaft anzugehen und den Opfern von Catcalling Gehör zu verschaffen.