Fünf Jahre nach den ersten Corona-Lockdowns in Berlin ziehen Mitglieder der damaligen rot-rot-grünen Koalition ein selbstkritisches Fazit. Michael Müller (SPD), Elke Breitenbach (Die Linke) und Silke Gebel (Grüne) reflektieren über die Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen wurden. Müller beschreibt die Situation als hilflos und erkennt, dass sie oft übers Ziel hinausgeschossen sind. Er erwähnt, dass die ersten Fälle in Berlin im März 2020 festgestellt wurden, und die WHO die Pandemie am 11. März 2020 erklärte. Am 14. März 2020 schlossen die Behörden Schulen, Kultureinrichtungen, Sportplätze, Fitnessstudios, Clubs und Bars.
Ab dem 17. März 2020 mussten Krankenhäuser zudem planbare Operationen absagen. Rückblickend erkennen die Politiker Fehler, insbesondere bei den Kontaktbeschränkungen während der Weihnachtszeit. Breitenbach kritisiert, dass die Interessen junger Menschen zu wenig beachtet wurden, während Gebel die Schließung der Schulen über mehrere Wochen als großen Fehler ansieht. Auch die Situation vulnerabler Gruppen wurde von Müller und Breitenbach als unzureichend berücksichtigt erachtet.
Forderung nach Aufarbeitung der Pandemie
Die Debatte um die Aufarbeitung der Pandemie wird zunehmend lauter. Bundespräsident Steinmeier hat gefordert, den Umgang mit der Pandemie gründlich zu beleuchten. Müller schlägt vor, eine Enquetekommission oder einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um diese Herausforderungen zu analysieren. Allerdings plädieren Breitenbach und Gebel eher für einen Austausch mit betroffenen Bereichen als für eine formale Kommission.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach trägt ebenfalls zur Diskussion bei und äußert, dass bei Kindern nach den Lockdowns viel gutzumachen sei. Er kritisiert Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen als zu weitgehend und fordert bessere digitale Beschulung. Wissenschaftler und Politiker aus verschiedenen Parteien, darunter Bijan Djir-Sarai (FDP) und Gregor Gysi (Linke), haben sich ebenfalls für eine umfassende Aufarbeitung der Pandemie ausgesprochen.
Wissenschaftliche Untersuchungen als Grundlage für die Aufarbeitung
In diesem Kontext hat die Pandemie nicht nur die Gesundheitspolitik beeinflusst, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche Wunden hinterlassen, die noch nicht geheilt sind. Empirische Forschung in Geistes- und Sozialwissenschaften wird benötigt, um die Veränderungen in der Gesellschaft zu verstehen und um Handlungsempfehlungen abzuleiten. 18 Forschungsprojekte werden aktuell durchgeführt, um die Herausforderungen und gesellschaftlichen Problemlagen, die durch die Pandemie verstärkt wurden, zu untersuchen.
- LoneCOVID (GESIS): Untersucht langfristige Entwicklungen sozialer Beziehungen und deren Einfluss auf Vertrauen in Politik und Wissenschaft.
- StiPEx (Universität Greifswald): Erforschung der Stigmatisierung in der Bevölkerung im Kontext der Pandemie.
- CoESI (Deutsches Zentrum für Altersfragen): Analysiert Veränderungen der sozialen Integration im mittleren und höheren Erwachsenenalter.
- Co-Care (Universitäten Tübingen und München): Untersucht Fürsorgedynamiken während der Pandemie.
- ProHome (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf): Erforschung von Homeoffice-Modellen und ihrer Auswirkungen.
Diese Projekte zielen darauf ab, Erkenntnisse zu gewinnen, die Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit nutzen können, um nicht nur die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern auch für zukünftige Krisen besser gewappnet zu sein.
Die Diskussion um die Aufarbeitung der Corona-Pandemie bleibt also ein zentrales Thema in der politischen Agenda, da die beteiligten Akteure sowohl aus der Politik als auch aus der Wissenschaft ein gemeinsames Verständnis der Lessons Learned anstreben. Dabei sind die unterschiedlichen Ansichten über die geeigneten Methoden der Aufarbeitung ein Zeichen für die Komplexität der Herausforderungen, die die Pandemie mit sich brachte.