Die Clubkultur in Berlin ist nicht nur eine lebendige Ausdrucksform, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin, in Zusammenarbeit mit der University of Bath, King’s College London und der Karlstad University, beleuchtet die Auswahlprozesse der Clubselekteure in der Stadt. Die Untersuchung mit dem Titel „Curating the Crowd: How firms manage social fit to stage social atmospheres“ wurde im „Journal of Marketing“ veröffentlicht und ist auf der Basis von 38 Interviews mit relevanten Akteuren der Clubszene entstanden. Hierzu gehören Clubbesitzer, Veranstalter, DJs, Sicherheitskräfte und Gäste sowie eine umfassende Analyse von Presse- und Archivmaterial. Laut den Ergebnissen tragen Berliner Clubs etwa 1,48 Milliarden Euro zum Tourismus bei.
Die Studie zeigt, dass der Einlass in viele Clubs nach einem eleganten Paradoxon funktioniert: Gäste müssen sich einerseits „einfügen“ und gleichzeitig „herausstechen“. Selekteure legen besonderen Wert auf mehrere Faktoren, darunter Kleidung, Kenntnisse der Szene, Ausstrahlung und Charisma. Dabei wird auch die Anpassung der Gäste und ihr Beitrag zur Diversität des Publikums eingehend bewertet. Speziell die Unterrepräsentation von Identitätsmerkmalen wie Hautfarbe, Alter, Sexualität und Geschlechtsidentität wird gewichtet, wenn sie zur Diversität beitragen, um einen „sicheren Raum“ für marginalisierte Gruppen zu schaffen. Ausschlussgründe sind übermäßiger Alkoholkonsum, Aggression und unsoziales Verhalten.
Die Entwicklung der Clubszene
Berlin hat sich als ein Zentrum der Clubkultur etabliert, das über die Jahrzehnte hinweg von verschiedenen kulturellen Strömungen geprägt wurde. In den 1970er und 1980er Jahren erlebte West-Berlin eine Blütezeit mit wichtigen Clubs wie dem SO36, das 1978 in Kreuzberg gegründet wurde, und dem legendären Dschungel in Schöneberg. Nach dem Fall der Mauer 1989 genoss die Stadt einen kulturellen Aufbruch, der durch leerstehende Gebäude in Ost-Berlin begünstigt wurde. In den 1990er Jahren fand ein Techno-Boom statt, der Clubs wie den Tresor und das E-Werk ins Rampenlicht rückte.
Die 2000er Jahre sahen eine Konsolidierung der Szene mit bekannten Clubs wie dem Berghain/Panorama Bar, das 2004 in einem ehemaligen Heizkraftwerk eröffnet wurde und für seine strenge Türpolitik bekannt ist. In den letzten Jahren hat sich die Clubszene diversifiziert, wobei neue Clubs wie Kater Blau und Sisyphos kreative und innovative Partyerlebnisse bieten. Die Ereignisse der COVID-19-Pandemie stellten die Clubszene vor immense Herausforderungen, aber viele Clubs reagierten innovativ mit Livestreams und virtuellen Partys.
Diversität und Inklusion in der Musikszene
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Berliner Musikszene ist das Engagement für Diversität. Ein Beispiel dafür ist das Kollektiv Grrrl-Noisy, das sich aktiv für mehr Sichtbarkeit von FLINTA-Musiker:innen (Frauen, Lesben, inter, nicht-binär, trans, agender) in der Rockszene einsetzt. Bei ihrem ersten Festival auf dem RAW-Gelände steht die Schaffung sicherer Räume im Mittelpunkt. In einer Zeit, in der Festivals wie das Wacken Open-Air, das 2023 195 Bands auf dem Programm hatte, immer noch stark von männlichen Künstlern dominiert sind, zeigt das Kollektiv mit seinen Initiativen, dass Veränderungen notwendig und möglich sind.
Die Berliner Clubkultur ist somit ein Spiegelbild der politischen und sozialen Veränderungen der Stadt, und die Fortführung dieser Entwicklung hängt von der weiteren Berücksichtigung von Inklusion und Diversität ab. Die Erkenntnisse aus der Forschung zur Gästeselektion können dabei sowohl für die Clubszene als auch für andere Bereiche gemeinschaftlicher Erlebnisse von Bedeutung sein.