Die Leidenschaft für Bücher verbindet und bietet Raum für intensive Diskussionen – das erleben vor allem die fünf Leserinnen Camilla, Caro, Lisa, Patricia und Steffi, die in Fürstenfeldbruck einen Buchklub gegründet haben. An einem Tisch, gemeinsam über die Erzählung „Yoga“ von Emmanuel Carrère diskutierend, äußern die Frauen unterschiedliche Reaktionen: während einige von Enttäuschung sprechen, zeigen andere Durchhaltevermögen. Die Frauen, alle zwischen 40 und 44 Jahre alt und berufstätig, haben sich im März 2021 während der Corona-Pandemie zusammengefunden und treffen sich seitdem regelmäßig, um ihre gemeinsame Leidenschaft weiter auszuleben. Zunächst fanden die Zusammenkünfte virtuell statt, doch mittlerweile haben sie den Austausch in ein Café verlagert, oft ergänzt durch Lesungen.
Insgesamt haben die Leserinnen 29 Werke erarbeitet. Dabei lastet der Fokus auf einer vielfältigen Genreauswahl, die von Thrillern über Romane bis hin zu Biografien und Lebensratgebern reicht. Wissenschaftliche Literatur und seichte Frauenliteratur sind dabei unerwünscht. Jeder Teilnehmerin ist es wichtig, bei den Treffen zwei Buchempfehlungen mitzubringen, aus denen ein Titel zufällig ausgelost wird, der dann in den kommenden Wochen gelesen werden soll. Aktuelle Favoriten des Klubs sind Werke wie „Zwischen Welten“ und „Über Menschen“ von Juli Zeh sowie „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus. Die Chemie zwischen den fünf Frauen ist bemerkenswert und sie hoffen auf weitere gemeinsame Leseerlebnisse, die Raum für Fantasie und Interpretation bieten.
Emmanuel Carrère: Ein vielseitiger Schriftsteller
Emmanuel Carrère, ein bedeutender Schriftsteller, Regisseur und Reporter, hat über 40 Jahre lang hochwertiger literarischer Arbeit geleistet. Seine Werke, die Realität mit fiktionalen Elementen verbinden, bieten einen scharfen Blick auf die moderne Gesellschaft. In dem soeben veröffentlichten Band „Vers le réel – Œuvres choisies I“ sind eine Auswahl seiner Romane, Erzählungen, Artikel und Reportagen aus den Jahren 1981 bis 2016 versammelt und zeigen Carrères tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Welt und den ständigen Wandel im menschlichen Leben.
Sein jüngstes Werk „V13: une chronique judiciaire“ thematisiert die islamistischen Attentate am 13. November 2015 in Paris, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen. Das Buch, das auf einer Sammlung wöchentlicher Kolumnen basiert, die Carrère für die französische Wochenzeitschrift L’Obs geschrieben hat, gewährt Einblicke in den Gerichtsprozess, der von September 2021 bis Juni 2022 stattfand. Carrère gelingt es, die Perspektiven der Opfer und deren Angehörigen darzustellen, während er zugleich Fragen zu Gerechtigkeit und Moral aufwirft, ohne den Lesern eine vorgefertigte Meinung aufzudrängen.
Literatur als Spiegel der Gesellschaft
Während die Leserinnen in Fürstenfeldbruck über Carrères Erzählungen reflektieren, wird deutlich, wie stark Literatur als Spiegel der Gesellschaft wirkt. Carrères Werke, darunter „Yoga“ und „V13“, regen nicht nur zum Nachdenken an, sondern fördern auch tiefgreifende Diskussionen über existenzielle Themen, die viele Menschen beschäftigen. Indem die Frauen ihre Erfahrungen und Perspektiven innerhalb des Buchklubs austauschen, wird ein Ort der Introspektion und des gemeinschaftlichen Wachstums geschaffen, der über das bloße Lesen hinausgeht.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Kombination aus Carrères literarischer Arbeit und den Treffen des Buchklubs in Fürstenfeldbruck das Potenzial hat, sowohl Individuen als auch Gemeinschaften zu inspirieren und zum Nachdenken über die Herausforderungen der heutigen Zeit anzuregen. Die Fridays, an denen die Frauen lesend zusammenkommen, verdeutlichen einmal mehr, wie wichtig und bereichernd der Austausch über Literatur sein kann.